BEGLEITUNG

 

 

 

Musik: Parliament – The Silent Boatman
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Ines Scheppach

 

 

Es war das erste Mal,
dass ich sie nackt sah,
meine Mutter,
 sie in ihrer Entblößung
berührte, wusch.
Sie stürzte von einer Leiter,
fiel auf Beton,
vor Wochen, ich urlaubte gerade
im Ausland, als mich
die Schreckensnachricht erreichte.
Ihr schmaler, schon sehr
verbrauchter, alter Körper
wurde in ein Korsett gezwängt,
das ihr nur im Liegen
zwecks Waschung im Bett
kurz abgenommen werden durfte,
zudem war eine Ferse zertrümmert
und ihr Bein daher in Gips gelegt.
Nun ja, so stand ich denn vor ihr
nach meiner Rückreise,
arg verlegen, nicht wissend, was
auf mich zukommt,
wie ich das alles handhaben sollte.
Auch sie war verlegen,
ich merkte, wie unangenehm es
ihr war, sich vor mir
nackt zu zeigen, ja, sich von mir
in ihrer Hilflosigkeit
berühren zu lassen
und warnte mich vor,
sagte, sie sei nicht schön,
habe keine Brüste mehr bzw.
so kleine, es sei alles irgendwie
schon weg und und und
….
Und dann lag sie da, vor mir,
und war schön wie ein junger Knabe,
wie ein Jüngling,
zart und weiß wie feines Porzellan.
„Mama – du bist so wunderschön!“
sagte ich ihr,
immer und immer wieder;
ich war einfach hin und weg.
Sie weinte darob, auch lachte sie
und wir scherzten
und ich wusch sie 
sicher dreimal so lange 
wie meine Schwester es vorher tat, 
 die in diesen Dingen ja
sehr routiniert ist,
da sie in einem Institut für
schwer geistig und körperbehinderte
Menschen arbeitet, die mehrmals täglich
gewindelt und gewaschen werden müssen.
Ich wusch sie und schwelgte
in Euphorie, war glücklich,
dass es mir so leicht von der Hand ging
und auch sie legte ihre
anfängliche Scham ab.
Es waren sehr schöne Momente
die mir da zuteil wurden.

 

Und jetzt, nun ja,
das Korsett ist seit zwei Wochen ab,
auch die Ferse ist wieder belastbar
doch vorgestern ein Anruf,
sie ist gestürzt, wieder,
im Garten,
das rechte Handgelenk ist
gebrochen.

 

War gestern bei ihr,
habe sie besucht,
wie ein Engel saß sie da,
wie ein Engel.
Hach, mir ist so schwer,
sie ist am Gehen,
ich spüre es
meine Mutter
sie ist so schön und
duftet wunderbar

 

~ ~ ~

 

Das habe ich geschrieben 2010
gegangen ist sie
nach einem langen Auf und Ab
dieser Tage
Eigentlich wollte ich ja
NICHT
darüber schreiben
da die letzten Wochen jetzt mit ihr
sehr, sehr
gefühlsintensiv waren
doch einerseits ist da so viel in mir
dass da raus möchte
aber  andererseits
finde ich momentan
nicht „die“ Worte

 

Nur so viel:

 

Glücklich
dass sie gegangen
traurig
weil sie körperlich
nicht mehr hier

 

@zartgewebt
Bildquelle: Ines Scheppach

 

 

 

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