My sister and me

 

 

 

 

Anno dazumal

wurde in meinem Elternhaus

im Winter

des Öfteren Tee getrunken

Wir Kinder hatten dafür

jeder sein eigenes Tee-Glas

ich erinnere mich noch gut

denn für mich

war es immer etwas ganz besonderes

aus diesem Glas zu trinken

keine Ahnung wieso

es hatte irgendwie

etwas Zeremonielles, Feierliches

dieses gemeinsame Sitzen in der warmen Stube

Vater knackte am Tisch Walnüsse

wir Kinder schälten Orangen

 

 

 

Gestern holte ich es nach langem

wieder einmal hervor

das Glas meiner verstorbenen Schwester

 

 

mysisterandme
 anno dazumal

 

 

und mein Glas

 

 

TeeGlas

 

Bildquelle: alle @zartgewebt

 

 

Kein gemähter Frosch…

 

 

 

 

3sat scobel: Vulva – Lust und Tabu

 

 

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Neugierig auf meine Weiblichkeit

war ich in jungen Jahren ungemein

nur der Einblick, im Gegensatz zu den

männlichen Geschöpfen

gestaltete sich hier eher schwierig

Nun ja, so musste halt die Freundin herhalten

sich einer Inspektion fügen

wobei, fügen ist nicht das richtige Wort

geschah doch alles auf Gegenseitigkeit

auf freiwilliger Basis

Es wurde Hand angelegt, ertastet, erfühlt

*räusper*

irgendwelche Dinge eingeführt

alles genau besehen, erkundet

 

*Gruselig!*

dachte ich mir

sieht das aus bei meiner Freundin

faltig, dunkel

irgendwie zerknautscht, unschön

Wie einen gemähten Frosch

habe ich mir die Weiblichkeit nicht vorgestellt

und so habe ich das zuhause

natürliche umgehend mittels Spiegel

bei mir selber überprüft

ob ich denn auch

.

 

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Nun ja, quakt ganz ordentlich

*schmunzel*

@zartgewebt

 

 Bildquelle: 1 u. 2 Ralph Gibson – 3 unbekannt

 

 

SCHNÄUZTUCH UND SCHNUPFTABAK

 

 

 

 

 

 

Italien .

 
 
 
Wie man hier nur unschwer erkennen kann,
wird in südlichen Gefilden noch anständig geschnäuzt,
der Rotz fein säuberlich in verwobene Baumwolle gepackt
um ihn dann so, tagelang mit sich im Hosensack herumzutragen.
Gewaschen wird das Socktiachl (Sacktuch) oder auch
Schneiztiachl, so wie ich es zu nennen pflege erst dann,
wenn es schon derartig verklumpt ist,
dass es sich nicht mehr entfalten lässt.
Woher ich das alles weiß?
Nun ja, mein Vater benutzte zeitlebens
nur Stofftaschentücher,  ich erinnere mich gut,
platzierte ich doch oft meinen Rotz nebst seinem,
und wenn ich im Süden urlaube, 
was ich übrigens sehr gerne tue,

 

 

Italien

 
 
 
ich liebe ja alte Häuser, verwinkelte Gässchen, Hinterhöfe,
muss ich immer lächeln, wenn mir dort und da
so  Schneizhodan entgegenwehen,
auch muss ich lächeln, da mir einfällt
dass mein Vater manchmal Schnupftabak schniefte
und ich ab und zu eine kleine Prise abbekam.
Als es uns dann zerriss, wurde sein Taschentuch
mit braunen Flecken übersät, das wahrlich
nicht sehr appetitlich aussah;
ich denke, da war immer etwas Gehirnmasse
auch mit dabei, so frei und klar ich mich
hinterher immer fühlte.
Na ja, und als mein Vater dann starb,
war das einzige von seinen privaten Sachen
 das ich mir wünschte,
das mir meine Mutter auch nur allzu gerne überließ,

 

 

Vaters Taschentücher .

 
 
 
 seine Taschentücher,
die ich auch heute noch gerne benutze.
 @zartgewebt

 

 

Bildquelle:  alle @zartgewebt
 
 
 

SCHRECK LASS NACH!

 
 

 

 
Nun, Angst ist etwas, das mich eigentlich nicht beherrscht
nie wirklich für sich eingenommen hat
und doch gibt es etwas, das mir das Grauen lehrte
nämlich der Stummfilm
 

Nosferatu

 

 
gespielt, in der Hauptrolle von
 

Max Schreck

 
Ich war noch ein Kind, so um die zehn, zwölf Jahre alt
und schaute den genannten Film zusammen mit meinem Vater
eine alptraumhafte Welt tat sich in dem Moment für mich auf
als mich diese obskuren Bilder fluteten
wo ich mich selbst lange nicht zu fangen vermochte
wo mein kindliches Weltbild
zwar nicht zum Einsturz gebracht wurde
aber doch etwas  ins Wanken geriet
 

Nosferatu / Nosferatu "Nosferatu"

FILMBILD / T: Nosferatu / Nosferatu D: Max Schreck R: Fs Ws (Friedrich Wilhelm) Murnau P: D J: 1922 PO: Szenenbild RU: Horror DA: , – Nutzung von Filmszenebildern nur bei Filmtitelnennung und/oder in Zusammenhang mit Berichterstattung über den Film. Darsteller Max Schreck als Nosferatu 1922 in einer Szene des gleichnamigen Stummfilmklassikers unter der Regie von Friedrich Wilhelm Murnau.

 
Zwar wusste ich, dass das Gesehene nur Fiktion war
dennoch streifte es etwas in mir, es rührte etwas an
das mir sehr, sehr großes Unbehagen bescherte
diese entsetzliche Furcht, von einem Untoten gebissen
ja, ausgesaugt zu werden
und dann an dem gleichen Schicksal zu darben, nämlich
auf ewig im selben Körper gefangen zu sein
fraß sich ganz tief in mich hinein, denn das
wollte ich nicht, auf gar keinen Fall.
 
Alles, nur das nicht!
@zartgewebt

 

Bildquelle: aus dem Netz
 

 

FOLTER PUR!

 

 

 

 

 

 

Wenn du es dir an einem lauen Sommerabend
bei mir auf der Terrasse gemütlich machst, kann es sein,
dass dich von einer Sekunde auf die andere
fröstelt, dir plötzlich die Haare zu Berge stehen.

 

„Wie denn das!“, fragst du?

 

Nun ja, wenn so geflügelte Mäuse
über deinen Kopf hinwegsegeln, lässt dich das
mit Bestimmtheit nicht kalt.
Mich schon. Mich lässt das kalt, das heißt
mich fröstelt nicht, wie denn auch,
wenn es doch so warm ist draußen,
nachts, im Sommer.

 

 

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Früher, als ich noch ein kleines Mädchen,
habe ich immer wie blöd geschwitzt
wenn sie kamen, durchs weit geöffnete
Schlafzimmerfenster,
anno dazumal haben sie mich nämlich
nicht kalt gelassen, diese Gruselwesen.
Blut und Wasser geschwitzt habe ich deshalb,
weil ich mich oft unter dem Tuchent verkroch,
und das im Hochsommer; nur die Nasenspitze
und die Augen lugten noch unter dem
monströsen Federungetüm hervor.
Meine Schwester, mit der ich das Zimmer teilte,
setzte mir den Floh ins Ohr,
ja ja, ich weiß, immer diese Flöhe,
als Kind litt ich augenscheinlich unter Flohbefall,
also, sie setzte mir den Floh ins Ohr,
dass mir die Fledermäuse,
eigentlich gab es bei meinem Elternhaus keine,
dort nicht, aber wo ich jetzt wohne schon,

 

 

haus-feldermausrnk7u

 

 

nun, dass mir die Fledermäuse
all mein Blut aussaugen würden,
wenn ich auch nur einen Flecken nackte Haut zeigen würde.
Also wirklich, wenn das nicht grausam ist!
Folter pur, nennt sich das!
@zartgewebt

 

 

Bildquelle: alle @zartgewebt

 

 

 

befremdlich und irgendwie verrückt

 

 

 

 

 

 

Eigenartig war das immer, und ist es
auch heute noch ein wenig
wenn ich mich in einem dreiteiligen Spiegel betrachte

 

Die Eltern meiner Freundin hatten so ein  Riesending
also, einen dreiteiligen Spiegel  in ihrem Schlafzimmer
den durften wir Teenies immer benutzen

 

 

francine van hove

 

 

wenn wir uns für unsere 
selbst einstudierten  Theatervorführungen

 

drück da

 

 oder für unsere diversen Shows die wir inszenierten, aufputzten

 

Ich war mir fremd im Spiegel

 

Nicht wegen der Masken und Kostüme die wir anlegten
es war die nackte, noch ungeschminkte
Profilansicht oder die Rückenpartie
der ich ansichtig wurde, die das Erkennen minderte
Ich weiß nicht wieso das so war (und noch ist)
 wahrscheinlich liegt es aber nur am anderen Blickwinkel
 den ich auf diese Art von mir gewann

 

Manchmal, wenn ich in einer Umkleidekabine stehe
(wenn diese  mehrfach verspiegelt ist) 
und ich mich unerwartet von hinten oder seitlich sehe
erschrecke ich  für einen kurzen Moment
es ist mir dann, als stünde wer Fremder in meiner Kabine
und bin dann oft nahe daran
diesen Eindringling (also mich) zu ermahnen

 

Noch mehr irritiert mich aber meine Stimme
als ich mich zum Beispiel das ersten Mal in einem Video sah
also, in einer ganz normalen Alltagssituation gefilmt wurde
war das ebenfalls überaus befremdlich für mich 
ich fand irgendwie keinen richtigen Bezug
zu der Person die ich da sah
aber dann auch noch die eigene Stimme zu hören
setzte dem Fass die Krone auf

 

Ich erkannte meine eigene Stimme nicht
war ganz perplex und irritiert, fragte
wer denn da so komisch spricht
das kann doch unmöglich ich sein
alle anderen im Video hören sich doch auch
gaaaaaanz normal an, so wie immer eben
die hatten für mich alle
einen ganz normalen  Wiedererkennungswert

 

Verrrückt ist das – irgendwie
@zartgewebt

 

Bildquelle: Francine van Hove

 

 

 

„ES“ SAH MICH AN!

 

 

 

 

 

 

Es sah mich an

das Auge

 als ich danach griff
um es mir anzueignen
ich wollte es
mit nachhause nehmen
es dort sezieren
studieren
 und fühlte sogleich
Schuld in mir hochsteigen
also ließ ich es lieber sein

 

 

 Ich war noch ein Kind
und es war auf dem Land nichts Außergewöhnliches
im näheren Umkreis
 dem Schlachten eines Schweines beizuwohnen
denn der Fleischer  kam dort direkt ins Haus
oder auf den Hof
um das Schwein zu stechen
und es auch gleich zu hacken

 

Zugegebenermaßen
der Anblick war kein schöner
wenn das Schwein  laut quiekend
mittels Fußfessel aus dem Stall gezerrt wurde
und ihm dann
 um es noch vor dem Stechen  zu betäuben
 ein Kopfschuss verpasst wurde

 

Es war das immer
ein wirklich grauenvoller Akt
und ich schielte
stets nur ein wenig durch meine Finger

 

 

Aug

 

 

einerseits um nicht alles sehen zu müssen
andererseits war da aber doch große Neugier
ein Wissensdrang

 

Beim Stechen in die Kehle
spritzte Blut wie aus einer Fontäne
das in einem Riesenbottich aufgefangen wurde
und unentwegt gerührt werden musste
damit es nicht stockte
dann wurde das Tier
 mit viel heißem Wasser bearbeitet
gewaschen, enthaart
enthauptet
aufgehängt
ausgeweidet
mittig geteilt

 

Für mich  war das Schwein dann
                  wenn ich so darüber nachdenke                  
nach dieser Teilung nicht mehr Tier
nur mehr Fleisch
also, das Gefühl des aktiven Mitleidens
fiel schlussendlich weg

 

Beim gefundenen Auge aber
da war das anders
das Auge war noch ganz Schwein
war noch Tier
war noch Seele
diesen

 

„BLICK“
 
konnte ich nicht ertragen
@zartgewebt

 

Bildquelle: 1 Simon Larbalestier  – 2 Bairbre Duggan

 

 

WEHRHAFT!

 

 

 

Musik: The Cinematic Orchestra
play

 

 

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Anno dazumal, ich war so um die fünf Jahre alt
bescherte mir eine schlimme, sehr fiebrige
Augenentzündung
einen vierwöchigen Aufenthalt
im Kinderkrankenhaus

 

Ich weiß, die eingestellten Bilder
Gottfried Helnweins sind heftig
doch sie kommen meinem
damaligen Gemütszustand sehr nahe

 

Es machte mir
das Weg-Sein vom Elternhaus
nicht so sehr zu schaffen
auch nicht die schmerzvollen Injektionen
ebenso wenig das mehrmalige
Abgeschoben-Werden in eine Dunkelkammer
wo ich endlos lange und ganz alleine
oftmals verharren musste
vielmehr war mir der Zustand unerträglich
dass ich in ein riesiges, stählernes Gitterbett
verfrachtet wurde wo es kein Entrinnen gab

 

Sah traurig, na ja, gesehen habe ich ja nicht viel

 

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mein halber Kopf war ja bandagiert

 

den anderen Kindern
im Zimmer beim Spielen zu
und, was mir am Eindringlichsten
in Erinnerung blieb, ist, dass ich genötigt wurde
eine Tomatensuppe zu essen
wogegen ich mich heftig zur Wehr setzte
Eine Schwester hielt mir die Arme fest
eine andere wollte mich füttern wie ein Baby 
doch ich verweigerte standhaft
dieses dickbreiige Etwas
in mich hineinstopfen zu lassen
schlussendlich drohte man mir
wenn ich den Mund nicht aufmachen würde
mir als Strafe eine Injektion zu verpassen

 

Ich hielt mich wacker!

 

Wieder zuhause
erzählte ich übrigens niemandem etwas davon
es war ganz alleine meine Sache
@zartgewebt

 

Bildquelle: http://www.gottfried-helnwein.at/

 

 

SÜNDE – GEWISSEN

 

 

 

 

Musik: Blonde Redhead – For the damaged coda
play

 

 

Engel 2a

 

 

Als Kind fühlte ich mich
„richtig“
„angenommen“
ich war – so wie ich war – in Ordnung

 

Ja, und dann kam er, dieser Tag
die Sünde
bohrte sich in meine Seele
unwillkürlich
unverhofft
das schlechte Gewissen
warf einen großen Schatten
über meine vorherrschende
Glückseligkeit
Na ja, vielleicht hatte es auch nur
geschlummert
wurde bloß geweckt
Ich weiß es nicht

 

Die Erstkommunion stand an
Der Pfarrer hatte die glorreiche Idee
uns im Religionsunterricht mit so kleinen
Raster-Zettelchen zu beglücken
die wir vornehmlich ins Heft zu kleben hatten
Es wurde uns aufgetragen
jede Woche ein Kästchen auszumalen
die Farbe Gelb stand für jeden Kirchenbesuch
schwarz  für’s Kirchenschwänzen
Tja, mein Raster
wurde von der Farbe Schwarz dominiert

 

 

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Ich fühlte mich sehr schlecht!
Es war ja kein Schwänzen im eigentlichen Sinne
meine Eltern waren nur keine großen Kirchgeher
auch war die Wegstrecke sehr weit
(Auto hatten wir keins)
und mit dem Fahrrad durfte ich ohne Begleitung
nicht auf der Bundesstraße fahren
Also begann ich zu schummeln
zu radieren
vorsätzlich zu lügen

 

Ich malte auch gelb

 

 

Engel 3

 

 

ICH
MALTE
GELB

 

 

E 6

 

 

Dieser verquere Umstand
machte mich todunglücklich
war ich doch jetzt ein schlechter Mensch geworden
es kam mir plötzlich irgendwie
das Gefühl der Richtigkeit abhanden

 

 

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Vor der Erstkommunion
wurde uns die Beichte abgenommen
Auch da habe ich gelogen
ich schämte mich so dermaßen
dass ich einfach eine Sünde erfunden habe
nur um diese Kirchenschwänzerei
nicht preisgeben zu müssen
eine Sünde erfunden deshalb
da ich mir sonst keiner Sünde bewusst war
denn für meine Eltern war ich trotz meiner Blödheiten
die ich manchmal so angestellt hatte
 „richtig“
sie vermittelten mir immer das Gefühl 
meiner „Richtigkeit“
@zartgewebt 

 

 

Bildquelle: div. aus dem Netz

 

 

 

KEINE MASKERADE

 

 

 

Musik: DAF – Der Räuber und der Prinz
play

 

 

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Eigentlich kam es einer Entblößung gleich,
wenn meine Freundin und ich uns im Teeniealter
mitten unterm Jahr
verkleideten, maskierten,
wir in diverse Rollen schlüpften, 
um uns dann öffentlich zur Schau zu stellen.

 

Wir waren außerordentlich kreativ
was die Kostüme anbelangte,
denn in der Dachbodenkammer
befand sich ein wahrer Fundus an Utensilien
die unsere Phantasie regelrecht beflügelte,

 

 

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und so, wurde dann wochenlang  geprobt,
bis wir uns durchrangen, uns singend,
tanzend und schauspielernd
einem kleinen Publikum (meist Nachbarn)
zu offenbaren.

 

 

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Entblößung sage ich deshalb,
weil, obwohl man Maske trug,
kam doch viel Verborgenes zum Vorschein,
ließ einen selbst manchmal
 ganz nackt dastehen.
@zartgewebt

 

 

Bildquelle: Hugues Gillet u. Claude Verlinde