SÜNDE – GEWISSEN

 

 

 

 

Musik: Blonde Redhead – For the damaged coda
play

 

 

Engel 2a

 

 

Als Kind fühlte ich mich
„richtig“
„angenommen“
ich war – so wie ich war – in Ordnung

 

Ja, und dann kam er, dieser Tag
die Sünde
bohrte sich in meine Seele
unwillkürlich
unverhofft
das schlechte Gewissen
warf einen großen Schatten
über meine vorherrschende
Glückseligkeit
Na ja, vielleicht hatte es auch nur
geschlummert
wurde bloß geweckt
Ich weiß es nicht

 

Die Erstkommunion stand an
Der Pfarrer hatte die glorreiche Idee
uns im Religionsunterricht mit so kleinen
Raster-Zettelchen zu beglücken
die wir vornehmlich ins Heft zu kleben hatten
Es wurde uns aufgetragen
jede Woche ein Kästchen auszumalen
die Farbe Gelb stand für jeden Kirchenbesuch
schwarz  für’s Kirchenschwänzen
Tja, mein Raster
wurde von der Farbe Schwarz dominiert

 

 

E 5

 

 

Ich fühlte mich sehr schlecht!
Es war ja kein Schwänzen im eigentlichen Sinne
meine Eltern waren nur keine großen Kirchgeher
auch war die Wegstrecke sehr weit
(Auto hatten wir keins)
und mit dem Fahrrad durfte ich ohne Begleitung
nicht auf der Bundesstraße fahren
Also begann ich zu schummeln
zu radieren
vorsätzlich zu lügen

 

Ich malte auch gelb

 

 

Engel 3

 

 

ICH
MALTE
GELB

 

 

E 6

 

 

Dieser verquere Umstand
machte mich todunglücklich
war ich doch jetzt ein schlechter Mensch geworden
es kam mir plötzlich irgendwie
das Gefühl der Richtigkeit abhanden

 

 

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Vor der Erstkommunion
wurde uns die Beichte abgenommen
Auch da habe ich gelogen
ich schämte mich so dermaßen
dass ich einfach eine Sünde erfunden habe
nur um diese Kirchenschwänzerei
nicht preisgeben zu müssen
eine Sünde erfunden deshalb
da ich mir sonst keiner Sünde bewusst war
denn für meine Eltern war ich trotz meiner Blödheiten
die ich manchmal so angestellt hatte
 „richtig“
sie vermittelten mir immer das Gefühl 
meiner „Richtigkeit“
@zartgewebt 

 

 

Bildquelle: div. aus dem Netz

 

 

 

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NICHT UNTERM HOLLERBUSCH

 

 

 

Musik: The Beatles – Hare Krishna Mantra/Harry Pinsker
play
 
 
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Nicht unterm Hollerbusch
liege ich da
vielmehr spenden mir Palme
und Olivenbaum Schatten

 

 

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Eigentlich wollte ich ja
viel lesen im Urlaub dazumal
(ist schon drei, vier Jahre her)
doch ich kam nicht wirklich dazu
weil es gab ja
so viel zu sehen dort
zu erkunden
ich bin ja eine die rundum
 alles aufsaugt wie ein Schwamm
bin eine
die alles sehen, alles greifen will
was da so ist

 

Nun, nur an diesem einen besagten Tag
sowie auch noch an einem anderen
nahm ich nichtsdestotrotz
ein Buch zur Hand
weiß auch nicht wieso ich gerade nach
„Bhaktivedanta Swami Prabhupada“
?!
gegriffen habe, wo unentwegt
über das Krishna Bewusstsein sinniert wurde
wo gechantet wurde:
 
Hare Krsna
Hare Krsna
Krsna Krsna
Hare Hare
Hare Rama
Hare Rama
Rama Rama
Hare Hare

 

Du meine Güte aber auch
das brauche ich ja nun gar nicht
dachte ich still bei mir
legte alsdann das Buch zur Seite
und schaute gen Himmel

 

verlor mich

 

mit dem leidigen Hare Hare-Geschwafel im Ohr
(brachte es irgendwie nicht mehr heraus)
im über mir thronenden Blätterdach

 

 

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An dem anderen Tag las ich dann Kishon
😉
@zartgewebt
Bildquelle: alle @zartgewebt

 

 

KEINE MASKERADE

 

 

 

Musik: DAF – Der Räuber und der Prinz
play

 

 

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Eigentlich kam es einer Entblößung gleich,
wenn meine Freundin und ich uns im Teeniealter
mitten unterm Jahr
verkleideten, maskierten,
wir in diverse Rollen schlüpften, 
um uns dann öffentlich zur Schau zu stellen.

 

Wir waren außerordentlich kreativ
was die Kostüme anbelangte,
denn in der Dachbodenkammer
befand sich ein wahrer Fundus an Utensilien
die unsere Phantasie regelrecht beflügelte,

 

 

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und so, wurde dann wochenlang  geprobt,
bis wir uns durchrangen, uns singend,
tanzend und schauspielernd
einem kleinen Publikum (meist Nachbarn)
zu offenbaren.

 

 

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Entblößung sage ich deshalb,
weil, obwohl man Maske trug,
kam doch viel Verborgenes zum Vorschein,
ließ einen selbst manchmal
 ganz nackt dastehen.
@zartgewebt

 

 

Bildquelle: Hugues Gillet u. Claude Verlinde 

 

 

 

PLÖTZLICH SAH ICH IHN

 

 

 

Musik: Ed Harcourt – This one’s for you
play

 

 

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Ich wache „vor der Zeit“ auf
es fröstelt mich leicht
mein Blick wandert zum Fenster
 ein Flügel steht sperrangelweit offen
Trotz des mulmigen Gefühls
das sich augenblicklich in mir breit macht
stehe ich auf und trete zum Fenster
eine unberührte
Winterlandschaft tut sich mir auf
Schnee über Schnee
soweit mein Auge reicht

 

Da, plötzlich etwas Schwarzes
es huscht seitlich unter dem Fenster hoch
läuft Richtung Zaun
schwingt sich behände darüber
es ist ein Wolf
 überdimensional groß
das Fell zottelig und tiefschwarz

 

Mir stockt der Atem
nicht jetzt so sehr vor Angst
da ist eigentlich keine Angst spürbar
nur maßlose Verwunderung
ich kann kaum glauben was ich da sehe

 

Schwerfällig
tapst der Wolf durch den tiefen Schnee
er kämpft sich regelrecht durch die weiße Masse
versinkt
immer und immer wieder 
bis fast unter den Bauch
auf einer Anhöhe
entschwindet er meinem Blickfeld

 

Ich wache auf

 

@zartgewebt
Bildquelle: unbekannt